* 32 *

Eine seltsame Stille legte sich über Lagerhaus Nummer Neun.
Selbst Feuerspei stellte das aufgeregte Schnauben ein und wurde ungewöhnlich ruhig. Alle traten etwas näher, spähten vorsichtig in die schwarze Ebenholztruhe und erschauderten. Die Truhe hatte eine grausige Ähnlichkeit mit einem Sarg. Der Spiegel lag darin wie eine Leiche, seit fünfhundert Jahren vor der Welt geschützt und weich gebettet in dunkelroten Samtpolstern, die sich perfekt an jede kleine Ecke seines goldenen Rahmens schmiegten. Stumm versuchten vier Menschen, ein Geist, ein Drache und eine magere rote Katze, in den dunklen Teich des Spiegels zu blicken, über dem ein matter weißer Nebelschleier lag wie über unbewegtem Wasser an einem Morgen im Herbst.
Der Spiegel schlug alle in Bann. Feuerspei wedelte so aufgeregt mit dem Schwanz, dass er wie ein riesiger Scheibenwischer die Scherben von zehn Dutzend zerschmetterten Gartenzwergen und einen Zentner zerdrückter Wachsfrüchte wegfegte. Nicko wäre am liebsten hineingesprungen, um festzustellen, wie tief er war. Snorri fragte sich, ob sie wohl ihre Großtante Ells darin sehen könne. Und Alice wollte sich ein genaueres Bild davon machen, was sie zusammen mit dem Ramsch von Lagerhaus Nummer Neun erworben hatte – denn der Spiegel gehörte jetzt ihr, und sie fühlte sich für ihn verantwortlich.
Alther fand es faszinierend, denselben Gegenstand zu sehen, von dem er in Marcellus Pyes Briefen, die vor so vielen Jahren geschrieben worden waren, gelesen hatte. Er war genau so, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Als er in den Spiegel hineinsah, hatte er das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu blicken, einen Abgrund, in dem er sich gerne für immer verlieren würde. Schluss damit, du alter Narr, tadelte er sich streng. Nicht ohne Mühe riss er sich aus seiner Träumerei.
»Komisch«, sagte Alice zu Alther. »Du hast die ganze Zeit auf dem Spiegel gesessen, ohne es zu merken.«
»So komisch ist das nun auch wieder nicht«, erwiderte Alther eingeschnappt. »Die Truhe ist mit purem Gold ausgekleidet. Saugt fast alles auf, das Gold. Kein Wunder, dass sich Marcellus bei Broda über das Gewicht des Spiegels beschwert hat – was um alles in der Welt hat er denn erwartet?«
Jenna starrte in den Spiegel und versuchte, ihren Mut zusammenzunehmen. Wenn Alther recht hatte, dann war hier ein Weg zu Septimus. Dann bot sich hier die Chance, alles wieder gutzumachen, was sie ihm angetan hatte. Sie brauchte nur in den Spiegel zu springen und ihn zu suchen, wo auch immer er sein mochte. Sie hatte keine Wahl. Zum Erstaunen der anderen kletterte sie auf den Rand der Truhe.
»Zurück!«, rief Alther. Die Angst in seiner Geisterstimme ließ Jenna zusammenzucken. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel in Richtung Spiegel.
Nicko sprang hinzu. »Jenna!«, rief er, doch es war bereits zu spät. Jenna stürzte nach vorn, unbeholfen die Arme ausgestreckt wie eine Wasserspringerin, die ihren Kopfsprung falsch berechnet hat, und tauchte in die flüssige Schwärze des Spiegels ein. Sie hinterließ nur ein leichtes Kräuseln, das sich bald legte, und dann war die Oberfläche wieder so glatt wie zuvor.
Im ersten Moment herrschte entsetzte Stille. Dann schrie Nicko: »Jenna! Jenna!« und sprang in die Truhe, wurde aber im selben Augenblick, als seine Stiefel den Spiegel berührten, von Alice Nettles mit einem mächtigen Ruck zurückgerissen.
»Nein, Nicko, das ist zu gefährlich«, keuchte sie und hielt ihn am Arm fest.
»Das ist mir egal«, stieß Nicko grimmig hervor, ohne den Blick von dem Ding zu wenden, das seine kleine Schwester verschlungen hatte. »Lassen Sie mich los. Jenna ist alleine da drin. Sie sollen mich loslassen!« Alice hielt ihn fest wie das Frettchen das Karnickel, doch Nicko war fast so groß wie sie, und drei Monate Schwerarbeit auf Jannit Maartens Werft hatten ihn stark gemacht. Mit einer verzweifelten Drehung riss er sich los, und bevor Alice es verhindern konnte, stürzte er sich wieder nach vorn. Diesmal mit Erfolg.
Beim Sprung durch den Spiegel wurde es kalt. Nicko hatte das Gefühl, durch flüssiges Eis zu fallen. Die Oberfläche des Spiegels schloss sich über ihm wie eine feste, gefrorene Schicht und ließ ihn durch, als ob es sie nicht mehr interessiere, was mit ihm geschehe. Und dann befand er sich im freien Fall, schlug Saltos, drehte sich wie ein Herbstblatt in der ruhigen Nachtluft, bis er in eine zweite Kälteschicht geriet, die ihn umhüllte, gleich darauf wieder freigab und in einen Haufen alter Jacken fallen ließ. Nicko stand auf, stieß sich den Kopf und wurde von einer kleinen roten Katze, die ihm ins Kreuz flog, gleich wieder zu Boden gestreckt.
»Ullr... Snorri?«, fragte er und rieb sich den Kopf. Er saß halb in, halb vor einem großen grünen Schrank, der voller staubiger alter Jacken war. Als er sich umdrehte, um festzustellen, wo Ullr hergekommen war, sah er, wie Snorri aus einem alten Spiegel purzelte, der an der Rückwand des Schrankes lehnte und genauso aussah wie der, in den er eben gesprungen war.
»Hallo, Nicko«, grüßte Snorri und trat aus dem Kleiderschrank des Unterkochs – der nicht mehr benutzt wurde, seit der Unterkoch nach einem erbitterten Machtkampf die Garderobe des zweiten Lakaien übernommen hatte. Snorri sah Nicko unsicher an. Was Nicko wohl davon hielt, dass sie ihm einfach gefolgt war? Ihre Mutter hatte ihr immer gepredigt, dass ein Mädchen einem Jungen niemals nachlaufen dürfe ... Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken an ihre Mutter zu verscheuchen. Na ja, sagte sie sich, ihre Mutter hatte nichts davon gesagt, dass man einem Jungen nicht in einen Spiegel nachspringen dürfe. Kein Wort.
Der Schrank des Unterkochs stand in einer Nische an der Kreuzung zweier Korridore. Snorri und Nicko sahen sich vorsichtig um. Es roch stark nach gebratenem Fleisch, was bei Nicko sofort Hungergefühle weckte, aber von Jenna war nichts zu sehen. Nicht das Geringste. Und auch sonst von keinem Menschen. Plötzlich begriff Nicko, wie dumm er gewesen war. Jenna konnte überall sein. Wer konnte wissen, wohin der Spiegel sie gebracht hatte?
Snorri fiel etwas ins Auge, das im Korridor auf dem Fußboden lag. Sie bückte sich und hob es auf. Es war eine schöne goldene Schmucknadel in Form eines »J«. Nicko erbleichte. »Die gehört Jenna. Ich habe sie ihr zum Geburtstag geschenkt.«
»Bis vor ein paar Minuten hatte sie die Nadel noch«, sagte Snorri. »Ich fühle es. Ich weiß es.«
Nicko lächelte und streckte ihr die Hand hin. »Komm, Snorri«, sagte er. »Suchen wir sie. Sie kann nicht weit sein.«
Unterdessen machte Alice Nettles in Lagerhaus Nummer Neun Anstalten, Jenna, Nicko und Snorri in den Spiegel zu folgen. Sie könne sie nicht allein der Gefahr überlassen, sagte sie zu Alther. Was auch immer kommen möge, sie sei fest entschlossen zu gehen.
Alther schüttelte den Kopf. Er war entsetzt über die Wendung der Ereignisse. Zuerst hatte er Jenna, Nicko und Snorri durch den Spiegel verloren, und nun sollte er auch noch die geliebte Alice verlieren. Er hätte alles darum gegeben, sie begleiten zu können, aber er wusste, dass ihm das als Geist verwehrt war.
Traurig sah er zu, wie Alice vorsichtig in die Truhe stieg. Sie stellte sich auf den Rahmen des Spiegels, nahm Mut für den Sprung zusammen und widerstand dem heftigen Verlangen, sich die Nase zuzuhalten, was sie immer tat, wenn sie ins Wasser sprang. Während Alther versuchte, sich dieses letzte Bild von Alice einzuprägen, ein Bild, das ihm möglicherweise für immer würde genügen müssen, hatte Feuerspei endlich herausgefunden, wo seine Herrin war.
Der Drache, dessen Nervenenden mit seinen Wachstumsschüben nicht Schritt gehalten hatten, wusste nicht, wie groß eine Öffnung sein musste, damit er hindurchpasste. In der Erwartung durchzupassen, so wie Jenna, Nicko und Snorri zuvor durchgepasst hatten, sprang er in den Spiegel. Alice Nettles wurde aus der Truhe geschleudert und fiel neben Alther zu Boden, wo sie atemlos liegen blieb und machtlos zusehen musste, wie der Spiegel unter dem Aufprall des Drachen in tausend Stücke aus funkelndem schwarzem Nichts zersprang.